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Die wirkliche Gefahr ist nicht das Regime, sondern die Resignation



Giorgio Bocca ist einer der ganz Grossen des italienischen Journalismus. Wir danken "La Repubblica" fűr die Erlaubnis, eine seiner Kolumnen in der Wochenbeilage "Il Venerdi" (Der Freitag) űbersetzen zu dűrfen.

In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlebten Italien und Europa eine antidemokratische Welle, aus der die Faschismen entstanden. Heute erleben wir etwas anderes, eine Abkehr von der Politik, die nicht fähig ist zur Bewältigung der Wandlungen und Widersprűche der Modernisierung in der Wirtschaft, in Wissenschaft, Demographie, in der Landschaft und im Städtebau. Sichtbar, ausufernd, unheilbar.

Fangen wir bei den Katastrophen der Metropolen an. In Mailand gibt es beispielsweise ein Flűsschen namens Seveso, ein nicht schiffbares Rinnsal, das bei jedem Wolkenbruch ganze Viertel űberflutet, Strassen, Schienen und die U-Bahn blockiert und damit ein mittlerweile unentflechtbares Chaos verschärft, hervorgerufen durch Dauer-Baustellen, Änderungen der Einbahnstrassen, Unterbrechungen, Labyrinthe und den Stress einer unbewohnbar gewordenen Stadt, mit halbstundenlangen Höllenfahrten zwischen Gruben, Löchern, Bauschutt, Verboten und kreischenden Bremsen.

In den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts war die antidemokratische Welle die falsche Antwort auf die Krise des Kapitalismus, doch heute handelt es sich um etwas Schlimmeres: das Resignieren vor einer Krise, die nicht erwartet wurde, die man nicht zu bewältigen weiss, in die man stets zurűckgeworfen wird.

Damals, in den Zwanzigern, war die Krise dramatisch, aber man wusste ihr zu begegnen, beispielsweise Roosevelt mit dem New Deal und nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Marshallplan, der eine Wirtschaft wieder ankurbelte, die der Liberalismus allein nicht in Gang setzen konnte. Man sollte auch nicht die Sowjetunion mit ihren Fűnfjahres-Plänen űbersehen, die trotz ihrer Härte wusste, wie man ein rűckständiges Agrarland in eine Industriemacht umwandelt.

Jetzt scheint die Politik als Kunst des Regierens untergegangen zu sein. Sie vermag es nicht, die Demographie zu regulieren, die Wanderungsschűbe der Armen, die die Länder der Reichen zu erreichen versuchen. Sie ist unfähig, die Schändung der Landschaft zu verhindern, die weitgehend unsichtbar geworden ist fűr den, der die Kűstenstrassen entlang eines schönen Meeres fährt, das von Werbeplakaten verdeckt oder hinter Badeanstalten verborgen wird.

Auch in der fruchtbaren und reichen Po-Ebene schrumpfen die Weizen- und Reisfelder, verdeckt von Hallen, auf denen die Unternehmer ihre Namen in riesigen Lettern aufrichten.

Das Tempo das destruktiven Fortschritts beschleunigt sich immer mehr. Wer jung war, als Italien noch arm war, kann ermessen, wie sehr sich die Qualität des Lebens in der Natur, der guten Luft, des Badens in sauberem Wasser verschlechtert hat. Wie die Schönheit der Städte ihren Platz an Viertel mit uniformen Hochhäusern abgetreten hat.

Die Politikverdrossenheit heute bedeutet die Enttäuschung von einer Kaste, die ihr Verhältnis zu ihrem Staat auf die Aneignung seines Geldes reduziert hat.

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—— Giorgio Bocca, La Repubblica